Deserteurdenkmal
Highlights
- Das Deserteurdenkmal in Erfurt erinnert an die Opfer der NS-Militärjustiz und wurde 1995 eingeweiht.
- Künstler Thomas Nicolai gestaltete das Mahnmal mit acht Metallstelen, von denen eine den Deserteur symbolisiert.
- Es steht im Festungsgraben der Zitadelle Petersberg, wo einst bis zu 60 Deserteure hingerichtet wurden.
Tipps
- Das Denkmal liegt im Festungsgraben der Zitadelle Petersberg, gut erreichbar über den Fußweg rechts vom Haupteingang.
- Acht Metallstelen symbolisieren die Spannung zwischen Uniformität und individueller Verweigerung, eine ist abseits gestellt als Deserteur.
- Die Inschrift ehrt die Opfer der NS-Militärjustiz, das Zitat von Günter Eich lädt zum Innehalten ein.
Eigenschaften
Über Deserteurdenkmal
Das Deserteurdenkmal in Erfurt erinnert eindringlich an die Opfer der nationalsozialistischen Militärjustiz und steht für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Gehorsam und Widerstand im NS-Staat. Es befindet sich im Festungsgraben der Zitadelle Petersberg, einem historisch bedeutsamen Ort, an dem während des Zweiten Weltkriegs ein Kriegsgericht der Wehrmacht untergebracht war. Dort wurden zahlreiche Wehrmachtsdeserteure zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das Denkmal wurde am 1. September 1995 eingeweiht und ist etwas abseits der üblichen Touristenrouten gelegen, jedoch leicht über einen abzweigenden Fußweg vom Haupttor der Zitadelle aus zu erreichen.
Gestaltet vom Erfurter Künstler Thomas Nicolai, besteht das Mahnmal aus acht Metallstelen, die in zwei parallelen Reihen angeordnet sind. Während sieben Stelen eine starre, disziplinierte Haltung verkörpern, hebt sich eine achte Stelenform ab – individuell geformt und schief geneigt, symbolisiert sie den Deserteur. Die Anordnung der Stelen in enger Formation erzeugt eine beklemmende Atmosphäre und erinnert an das Spießrutenlaufen. Die verwendeten Materialien – recycelte Stahlteile wie Heizkessel – unterstreichen den Bezug zur Kriegszeit und vermitteln eine Spur der Geschichte. Eine Bronzetafel im Boden trägt eine Inschrift, die den „unbekannten Wehrmachtsdeserteur“ sowie allen Opfern der NS-Militärjustiz gedenkt, ergänzt durch ein Zitat des Dichters Günter Eich: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.“
Die Entstehung des Denkmals im Jahr 1995 erfolgte auf Initiative von Gewerkschaften, Friedensgruppen, Kirchenvertretern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Ziel war es, das Schicksal der Deserteure öffentlich sichtbar zu machen und ein Zeichen gegen Menschenrechtsverletzungen zu setzen. Die Debatte um das Denkmal war von Anfang an geprägt von unterschiedlichen Sichtweisen: Während viele die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Widerstand und Verweigerung betonten, sahen andere die Gefahr, Deserteure zu idealisieren. Der Künstler Nicolai selbst betonte, nicht den Deserteur zum Helden machen zu wollen, sondern vielmehr die Spannung zwischen individueller Selbstbestimmung und gesellschaftlichem Zwang sichtbar zu machen.
Der historische Kontext des Ortes verleiht dem Denkmal zusätzliche Bedeutung. Die Zitadelle Petersberg war seit ihrer Umwandlung von einem Benediktinerkloster zu einer militärischen Festung ein zentraler Ort der Herrschaft. Im Nationalsozialismus wurde sie zum Schauplatz der repressiven Wehrmachtsjustiz. Im Kommandantenhaus residierte ein Kriegsgericht, das während des Krieges mindestens 50, möglicherweise sogar bis zu 60 Soldaten wegen Desertion zum Tode verurteilte. Die Hinrichtungen fanden direkt an der Stelle statt, wo heute das Denkmal steht. Diese enge Verknüpfung von Ort und Geschichte macht das Deserteurdenkmal zu einem authentischen Mahnmal, das zum Innehalten und Nachdenken einlädt.
Seit seiner Errichtung regt das Denkmal kontroverse Diskussionen an und trägt damit zur öffentlichen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit bei. Es ist ein Ort der Erinnerung, der nicht nur die Opfer benennt, sondern auch Fragen nach dem individuellen Gewissen, staatlicher Gewalt und dem Recht auf Widerstand aufwirft. In einer Zeit, in der diese Themen weiterhin aktuell sind, erfüllt das Deserteurdenkmal in Erfurt eine wichtige Funktion als Mahnmal und Denkort – fernab von Klischees, eindrücklich in seiner Reduktion und nachhaltig in seiner Wirkung.