Denkmal/Gedenkstätte

Gedenkstätte zermahlte Geschichte

Kegelpl. 3, 99425 Weimar

Highlights

  • 1997 wurden GESTAPO-Gebäude (1936–1945) und ein Gefängnis (1875–1936) im Weimarer Marstall zermahlen – ihre Reste als Asservate im Staatsarchiv aufbewahrt.
  • Seit 1999 zeigt eine Ausstellung im Archiv die zermahlenen Mauerreste und GESTAPO-Barackenteile als stummes Mahnmal für die NS-Vergangenheit.
  • Das Projekt nutzt den Abriss als künstlerische Methode: Geschichtsbeweise werden physisch ‚zerstört‘, doch als Material dokumentiert – ein Symbol für unauslöschliche Spuren.

Tipps

  • Die Ausstellung zeigt originale Asservate wie Mauerwerksteile, Türgriffe und Dachpappe der ehemaligen GESTAPO-Gebäude in originalen Archivkartons.
  • Ein vertikaler Blick durch Sicherheitsglasschlitze ermöglicht einen direkten Vergleich zwischen den zermahlenen Gebäuderesten und dem modernen Magazinuntergeschoss.
  • Die mittelalterliche Kalksteinmauer im Hintergrund veranschaulicht die historische Kontinuität des Ortes und seine langsame Transformation durch menschliche Nutzung.

Eigenschaften

Bildung Kulturell Ganzjährig

Denkmal Weimar: Zermahlte Geschichte

Die Gedenkstätte „Zermahlte Geschichte“ in Weimar ist ein einzigartiges historisches Denkmal, das sich mit den Spuren der NS-Zeit auseinandersetzt und gleichzeitig eine provokante Auseinandersetzung mit der deutschen Erinnerungskultur anregt. Im Zentrum steht der Abriss zweier denkmalgeschützter Gebäude aus der Zeit des Nationalsozialismus: einer ehemaligen GESTAPO-Leitstelle Thüringens sowie einer umgebauten Wagenremise, die als Gefängnis diente. Statt diese Bauten zu erhalten, wurden sie 1996 im Rahmen eines internationalen Kunstwettbewerbs bewusst zerschlagen und das Material – von Türgriffen über Ziegel bis hin zu Mauersteinen – als „Asservate“ gesammelt und in Archivkartons verwahrt.

Die Idee entstand im Zuge der Sanierung des angrenzenden Marstall-Komplexes, der heute das Thüringische Hauptstaatsarchiv beherbergt. Die zermahlenen Reste der Gebäude wurden während der Bauarbeiten in zwei Containern gelagert, die optisch wie Archivschachteln gestaltet waren. Seit 1999 präsentiert die Dauerausstellung des Staatsarchivs die Geschichte des Ortes – von der Nutzung als GESTAPO-Baracke bis hin zur späteren Funktion als Gefängnis – und zeigt die gesammelten Bauteile als Zeugnisse einer verdrängten Vergangenheit. Ein vertikaler Blickbezug durch Sicherheitsglasschlitze im neuen Magazinuntergeschoss verbindet die sichtbaren Spuren mit den archivierten Dokumenten und lädt Besucher zur aktiven Auseinandersetzung ein.

Besonders bemerkenswert ist der künstlerische Ansatz der Künstler Hoheisel & Knitz, die mit dem Konzept der „zermahlenen Geschichte“ eine radikale Abkehr von traditionellen Denkmälern vorschlagen. Statt monumentaler Gedenksteine werden die Überreste der Gebäude selbst zum Medium – sie werden langsam weiter zermahlen, nicht nur durch äußere Einflüsse, sondern auch durch den täglichen Fußgängerverkehr im Archivhof. Die Kalksteinmauer des ehemaligen Gefängnisses, die heute unter den Schritten der Mitarbeiter und Besucher liegt, symbolisiert diese ständige Transformation.

Die Idee der „zermahlenen Geschichte“ geht über Weimar hinaus: Die Container mit den Asservaten sollen als mobile Ausstellung an andere Orte mit historischen „Altlasten“ weitergereicht werden, etwa auf das Gelände des Holocaust-Denkmals in Berlin. Der Entwurf, der sogar eine Zermahlung des Brandenburger Tors als nationales Denkmal vorschlug, wurde zwar abgelehnt, bleibt aber ein provokanter Kommentar zur deutschen Erinnerungskultur. Statt Schuldigen in einem Grab zu bannen, wird hier die Vergangenheit als Prozess dargestellt – einer, der nie abgeschlossen ist.

Die Gedenkstätte „Zermahlte Geschichte“ ist somit mehr als ein Ort der Erinnerung: Sie ist ein Experiment mit der Form von Denkmälern und eine Einladung, sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Durch die Kombination aus Archiv, Kunst und Architektur wird hier Geschichte nicht nur bewahrt, sondern aktiv weitergeschrieben – Stück für Stück, Stein für Stein.

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